Ultras, die unbekannten Wesen. Woher kamen sie und wohin gehen sie? Ende der 1960er Jahren war einigen Präsidenten von Fußballvereine das Verhalten und die Unterstützung der Fans nicht gut und extrem genug. Sie wollten sich durch laute und aggressive Unterstützung einen Vorteil verschaffen. So kam der Impuls für die Gründung der Ultras aus den Vereinenvorständen, doch ihr Geburtsort
liegt in den „Centro Sociali“ der 1960er Jahre, den Jugendhäusern in den sozialen Brennpunkten der italienischen Großstädte.
In Deutschland würde man JUZ sagen. Die politische Prägung der Organisatoren dieser Einrichtungen haben auch die Ultras übernommen. Etwas verband diese neuen Ultras und ihre linke Jugendkultur die Ausdrucksformen des politischen Widerstands mit denen der britischen Subkultur des Fußballs. In wenigen Jahren durch wuchs mir englischer Inspiration in den italienischen Stadien eine neue eigene Organisationsstruktur und eigene Ausdrucksformen, bestehend aus den heute weltweit typischen Elementen wie riesigen Fahnen, Gesang, südamerikanischen Trommeln sowie der gänzlich neuen „Choreographien“.
Der Fußballs in Italien war immer stärker politisiert als zum Beispiel in Großbritannien oder Deutschland. Auch die Entstehung der Ultras ist dem Zusammenwirken von Fußball und Politik geschuldet und unterscheidet sich daher stark von der Entstehung der Fußball-Subkulturen in Deutschland oder Großbritannien. Die Wurzeln der Ultrasubkultur in den italienischen Stadien liegen in den linksgerichteten Studentenprotesten der späten 1960er Jahren sowie dem „heißen Herbst“ der Arbeiterbewegung 1969. So war diese typisch italienische Form der Subkultur Fußballfans von
Anfang an stark mit politischen Inhalten verbunden.

Ultras in Italien. Englischer Impuls.

Die Gründungen entsprangen dem Wunsch der Offiziellen die Anfeuerung der eigenen Mannschaft sowohl bei Heim- als auch bei Auswärtsspielen zu verbessern. Inhaltlich sollten diese neuen, mit offizieller Hilfe gegründeten Fanclubs sich hauptsächlich mit dem Vertrieb von Eintrittskarten zu Heim- und Auswärtsspielen und der Organisation von Unterstützung für das eigene Team sowie von Reisen zu Auswärtsspielen beschäftigen Obwohl die Gründungen dieser Clubs eine Initiative von oben waren, stellten sie eine Art Initialzündung dar. Sich als Fans eine Organisationsstruktur zu
geben, wurde in ganz Italien kopiert.
So entwickelte sich Ende der 1960er Jahre eine neue Form der Selbstorganisation der Fußballfans. Die 1968 gegründet „Fossa dei Leoni“des AC Milan war wohl die erste
Ultragruppierung in Italien. Viele ähnliche Fanclubs entstanden in kurzer Zeit, wie die „Inter Boys“ des Clubs Internationale Mailand sowie die „Red Blue Commandos“ des FC Bologna. Die neuen Ultra-Fanclubs standen zwar im Dialog mit der Vereinsführung, bezogen verbilligte Karten, organisierten Bus und Zugfahrten zu Auswärtsspielen und unterstützten ihre Mannschaft durch lautstarke Anfeuerung, als Organisationen agierten sie jedoch autark und entzogen sich der Kontrolle durch die Vereine und den italienischen Fußballverband.

Der Begriff Ultras tauchte 1971 zum ersten Mal im Stadion auf einem mTransparent der Fans von Sampdoria Genua auf. Kurz darauf hatten alle italienischen Erstligisten eine Gruppe mit Namen wie „Tupamaros“, „Fedayn“, „Folgore“ und „Vigilantes“, die sich selbst als „extrem“ bezeichnete. Die politische Bedeutung des Terminus Ultra war diesen Gruppen nicht nur bewusst, sondern von ihnen gewollt. So nannten sich die Unterstützer der französischen Könige genauso Ultras wie die Post-68er linksextremen Gruppen in Italien. Der terminologische Unterschied zum „Hooligan“ englische
Prägung ist immens.
Die Studentenproteste und Streiks 1968 und 1969 politisierten das öffentliche Leben in Italien stark. Die linke Protestbewegung dieser Zeit wurde nicht nur von Studenten getragen, sondern auch von einer großen Anzahl junger Männer und Frauen aus der Arbeiterklasse, die in den Fabriken Streiks und Demonstrationen organisierten.
Nicht alle Ultragruppen waren politisch links eingestellt, aber ihre Organisation und ihr Auftreten wie die Form ihrer Aktionen waren von der italienischen Protestbewegung der späten 1960er
geprägt. Der bis heute im Vergleich zu andern Fansubkulturen in Europa hohe Grad der Politisierung der Ultragruppen liegt tief in der politischen Situation Italiens zum Ende der 1960er Jahre begründet.
Parallel dazu beeinflusste auch die neue Subkultur aus England die Gründung der Ultragruppen in Italien. Die italienischen Fans waren von den Engländern, die sie bei Europapokalspielen und im Fernsehen sahen, beeindruckt. Diese „Straßensubkultur“ war für viele italienische Jugendliche ein Vorbild. Und so schlug sich auch das Wertesystem der englischen Subkultur in den Stadien
Italiens nieder. Bestimmte Praxen wie die Verteidigung des eigenen Territoriums gegen Eindringlinge mit hoher Aggressivität sowie die enge Gruppenstruktur und Hierarchie der englischen Subkultur Fußballfans fanden zunehmend auch unter italienischen Fans Verbreitung. Klar ist, dass die zunehmende Medialisierung des Sports hier ein entscheidender Faktor war.

Medialisierung des Sports hier ein entscheidender Faktor

Nicht nur bei Europapokalspielen, sondern auch durch die Übertragung von Spielen im Fernsehen konnten die italienischen Fans beobachteten, wie sich die Fußballfans in England verhielten und dann versuchen ihnen nachzueifern. Dabei ahmte sie aber nicht Lieder, Kleidung oder andere Stile im Detail nach, sondern entwickelten eigene Formen, in denen sie wie die Jugendlichen in England ihre Rebellion gegen die Staatsgewalt und gesellschaftliche Normen zum Ausdruck brachten. „The Kop“ in Anfield, Stadion und „Fan-Kurve“ des FC Liverpool wurde auch in Italien im Fernsehen übertragen.

Was das „moviemento Ultra“ einte, und sie mit den englischen Jugendlichen verband, war die Tatsache, dass die meisten Ultras auf verschiedenen Ebenen Gewalterfahrungen im Alltag gemacht hatten – zum Teil bei Demonstrationen und Streiks der Linken aber auch in Armenviertel Nord- und Süditaliens mit ihrer hohen Kriminalitätsrate. In Folge dieser Erfahrungen wurde Gewalt innerhalb der Ultrabewegung wie auch der italienischen Linken als legitimes Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele anerkannt und propagiert. So diente das Konterfei Che Guervaras, dass Ultras zu dieser Zeit
anfingen zu benutzten, sowohl als Symbol für die politische Einstellung als auch für die Anwendung von Gewalt als legitimem politischen Instrument. Die italienischen Ultragruppen absorbierten Praktiken, Symbole und Organisationsformen der linken Protestbewegung und verbanden sie mit ihren spezifischen Formen, ihre Mannschaft zu unterstützen und ihr Territorium, die Kurve, gegen andere Gruppen oder die Polizei zu verteidigen.

Englisch geprägte "Scarf-Choreographie" in Genua

Auch die typische Kleidung der Ultras Anfang der 1970er Jahre war geprägt von den Moden der linken Protestbewegung. Sie war mit der Aura von Stadtguerilleros
umgeben. Der typische Ultra-Look bestand aus Armee-Parkas, Camouflage-Jacken mit Aufnäher der Gruppe oder des Vereins, Blue Jeans und Balacklava Hüten sowie um den Hals getragenen Tüchern, um die Gesichter zu verdecken. Die riesigen Fahnen der Ultras waren den Demonstrationen der Kommunisten und der Gewerkschaftsbewegung entliehen, ebenso wie die typischen Trommeln und die Melodien der Lieder, die während der Spiele in einer Art Endlosschleife gesungen wurden.

Während in den anderen Stadien Europas nach einem Tor Jubel aufbrandete oder der Name des Vereins skandiert wurde, erschufen die Ultras eine 90-minütige Geräuschkulisse. Es entstand ein Wettstreit zwischen den Gruppen, wer länger und lauter singen konnte, um seine Mannschaft zu unterstützen. Neu war, dass in den Kurven ein Vorsänger, meist mit einem Megaphon, die Gesänge der Gruppe koordinierte. Der Kapo oder Charismatico war, vom Spielfeld abgewandt, nur damit beschäftigt, Lieder und Sprechöre anzustimmen. Dadurch konnten auch kompliziertere Lieder mit mehr Text
gesungen werden. Wenn die Unterstützung durch die Zuschauer abebbte trieb der Kapo die Kurve an, weiter zu singen. Dies ist eine Veränderung zum Gesang der englischen Fantribünen wie dem Kop in Liverpool. Hier entstanden Gesänge spontan, aus der Masse heraus und wogten durch das Stadion, wurden aber auch viel schneller beendet. Während die Formen der Unterstützung bei englischen Fans meist spontan zustande kamen, wie das massenhafte Zeigen des Schals auf dem Kop in Liverpool, versuchten die Ultras in Italien diese Ausdrucksformen im Wettstreit miteinander zu Verbessern und zu verändern.
Eine weitere Innovation stellten die Choreographien der Ultras in Italien dar. Die Fans trafen sich lange vor einem wichtigen Spiel um alles vorzubereiten. Bei großen Spielen oder Derbys wurden die Choreographien in einen Wettstreit genutzt, um die Fans der gegnerischen Mannschaft an Kreativität und Farbvielfalt zu übertrumpfen. Mottos auf Spruchbändern dienten dazu, die eigene Stadt zu glorifizieren oder den Gegner zu demütigen. Fans der gegnerischen Mannschaft versuchten diese Inhalte im Vorfeld der Spiele in Erfahrung zu bringen, um sie in ihrer eigenen Choreographie kontern zu
können. Die Materialien für die Choreographien finanzierten die Fans selbst. Es gibt heute in Italien mehrere landesweite Fernsehsendungen, die sich ausschließlich der Bewertung der Choreographien widmen. Die Innovationen der Ultras sind ein wichtiger Bestandteil der Fußballfankultur geworden. Diese zunächst typisch italienischen Ausdrucksformen von Fußballfans sind heute in ganz Europa und sogar weltweit verbreitet.

Die Ultras sind heute in Europa die einflussreichste Jugend-Subkultur.

(Aus: Niklas Wittkowski; Die Subkultur „Fußballfans“ als Beispiel transnationaler Kommunikation im 20. Jahrhundert; 2006)

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