Raggae in the Ghetto

Der kahlgeschorene, stiefeltragende Skinhead englischer Prägung wurde in ganz Europa, in Nord- und Südamerika imitiert. Er prägt weiterhin das Bild des „bösen“ Fußballfans als sogenannter Hooligan. Nach der Initialzündung in Liverpool waren Fußballfans, Ende der 1960er Jahre, eine stetig wachsende Subkultur mit einer starken Arbeiterklassen-Identität.

Doch die Subkultur „Fußballfans“ war nicht deckungsgleich mit der ihr entsprechenden Kultur, denn sie wurde auch von anderen gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflusst. Zunehmend adaptierte sie kulturelle Ausdrucksformen der Jugendsubkulturen dieser Zeit, insbesondere die der Skinheads.
Die 1960er waren eine Zeit in der Jugendliche und Heranwachsende versuchten, eine eigene Identität zu finden und sich so, von der Generation ihrer Eltern abzugrenzen. Man kann die 1960er Jahre als die Zeit der Jugendrebellion bezeichnen. Die 68’er in Deutschland nahmen die Verstrickung ihrer Elterngeneration im Naziregime zum Anlass, ihre Version einer Jugendrevolte zu definieren, und sich so zu entfalten. Obwohl diese deutsche Jugendkultur unmissverständlich politisch links und gegen die bürgerliche Konsumgesellschaft eingestellt war, benutzte man auch hier Kleidung und Musik als Vehikel der Identifikation und Abgrenzung.

So bestimmten im Großbritannien der 1950er Jahre bei Jugendlichen aus dem Arbeiterklassemilieu die „Teddy Boys“ und ihr Rock`n Roll von Interpreten wie Elvis Presley und Buddy Hollie die Mode. Auch der Kleidungsstil dieser Vorbilder war die bestimmende Strömung unter Jugendlichen dieser Zeit. „Skinhead sein“ war eine der ersten Jugendkulturen in Europa, die von us-amerikanischer Musik und Mode beeinflusst war. Die „Teds“ wurden Anfang der sechziger Jahre von den „Mods“  und ihrem Modern Jazz und Rythym & Blues (R&B) abgelöst. Für beide waren Musik und Mode gleichsam Identifikation und Inhalt.

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre entstand im Osten Londons die Skinheadbewegung. Diese Jugendlichen der Skinheadbewegung wuchsen meist in sozial schwachen Vierteln auf und adaptierten die Gewalt, die sie umgab. Bühne und Ort der Entfaltung dieser Subkultur waren auch die Fankurven der Fußballstadien.

Man wollte sich hier nicht nur gegen die Elterngeneration abgrenzen, sondern vor allem auch gegen andere Jugendkulturen. Die Mode und die Musik bildeten die Ausdrucksformen, mit denen man sich von den anderen Gegenkulturen unterscheiden konnte. Ein Skinhead wirkte schon durch sein Aussehen härter, martialischer und maskuliner als andere Jugendliche dieser Zeit. Hier ist anzumerken, dass die später als rechtsradikal und rassistisch eingestufte Skinheadbewegung ursprünglich von Jamaikanern afrikanischer Herkunft geprägt wurde, die zu dieser Zeit schon in London lebten oder gerade eingewandert waren. Die ersten Skinheads waren nicht rechtsradikal oder rassistisch, da das Bewusstsein, diese Mode von Jamaikanern übernommen zu haben, das ja ausschließt.
Classic Skinhead
Die Tatsache, dass Skinheads in den Medien und der Literatur als überwiegend rassistisch und rechtsradikal eingestuft werden, liegt an einer Entwicklung von einem Teil der britischen Arbeiterklasse. Es ist in der Forschung unbestritten, dass sich rassistische Tendenzen in der Skinheadbewegung seit Mitte der 1970er Jahre ausbreiten. Eine Erklärung dafür sind die Wahlerfolge der rechtradikalen (British) National Front zu dieser Zeit. Es entstand die Bewegung der Oi-Skins, eine neue Generation innerhalb der Skinheadbewegung, die sich von der antirassistischen Einstellung der ursprünglichen Skinheads der 1960er Jahre unterschied. Eine Strategie, um bei der, durch die Rezession stark betroffene, Arbeiterschaft Fuß zu fassen,
war die Überschwemmung der Fußballstadien mit rechter Propaganda, wie Aufnähern, T-Shirts oder Zeitschriften, um Wählerstimmen und Mitglieder zu werben.105 Es gab Skinhead-Fanzines wie den „Bulldog“, dessen letzte
Seite für rechtsradikale Inhalte reserviert war. Am Beispiel der Skinheadbewegung wird deutlich, dass sich Jugendkulturen
durch Transformation inhaltlich grundlegend wandeln können, ohne ihre äußere Erscheinung zu ändern. Die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen durch den sozialen Niedergang der Arbeiterklasse in Folge wirtschaftlicher Umbrüche, verursachten einen Wertewechsel innerhalb der neuen Generation dieser Jugendkultur.
Bis Anfang der 1970er Jahre waren Fankurven wie der Shed im Stadion Stamford Bridge des Chelsea Football Club oder die Northbank im Uptonpark von West Ham United mehrheitlich von Jugendlichen besucht, die der
Skinhead-Mode folgten. Ausgangspunkt der Skinheadbewegung waren die Arbeiterviertel Londons, aber man kann davon ausgehen, dass in allen Stadien Großbritanniens zu dieser Zeit eine Skinhead-Subkultur existierte.107
Sowohl Fan einer Fußballmannschaft als auch Skinhead zu sein, war ein Teil der Identität, dem Stolz, zur Arbeiterklasse zu gehören.108 Im Gegensatz zu denen von den Jugendlichen aus Arbeiterklassevierteln als „weich“ oder „bürgerlich“ wahrgenommenen Jugendkulturen wie den Hippies war es Teil der Subkultur der Skinheads, dementsprechend im Stadion aufzutreten.
Skinheads never die
Viele Skinheads sahen sich als eine Art „Antihippies“, da aus ihrer Sicht die Hippiebewegung meist von Jugendlichen aus der Mittel- und Oberschicht getragen wurde. Ein Teil der Skinheadkultur war die jamaikanische Musik und die Mode. Ein
weiterer die eigene Fankultur im Stadion, die sich hier durch Sprechchöre zu erkennen gab. Scheinbar gerne nahmen die Skinheads ,und dadurch auch andere Fußballfans, die Rolle des gewalttätigen „Bürgerschrecks“ an. Die Gewalt bei Fußballspielen fand aber nicht erst seit das Aufkommen der Skinheadbewegung den Weg in die Stadien, schon vorher
gab es Gewaltausbrüche. Es ist jedoch wichtig festzuhalten, dass erst zur Zeit der Skinheads die Gewalt beim Fußball in den Fokus der Medien und damit der Öffentlichkeit rückte. In dieser Zeit wurde das heute noch gültige Bild vom
gewaltbereiten Fußballfan als kahlgeschorener und rechtsradikaler Schläger geprägt. Gerade diese negative Aufmerksamkeit, die diese Subkultur mit ihrem Auftreten erregte, machte es für sie möglich, zum Vorbild für
Fußballsubkulturen anderer Länder – wie auch Deutschland112, – zu werden. Seit Anfang der 1970er Jahre war es integraler Bestandteil der Arbeiterklassenkultur, zum Fußball zu gehen und Skinhead zu sein. Dieser vorerst zwingende Zusammenhang entkoppelte sich erst mit dem Erscheinen der Casual-Subkultur Ende des Jahrzehnts, die sich bewusst von dem Arbeiterklassen-Image absetzen wollte.

Niklas Wittkowski (Die Subkultur „Fußballfans“ als Beispiel transnationaler Kommunikation im 20. Jahrhundert)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*